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Der Preis einer Ware…

Im Kommunistischen Manifest schreibt Marx: „Die Kosten, die der Arbeiter verursacht, beschränken sich daher fast nur auf die Lebensmittel, die er zu seinem Unterhalt und zur Fortpflanzung seiner Race bedarf. Der Preis einer Ware, also auch der Arbeit, ist aber gleich ihren Produktionskosten. In demselben Maße, in dem die Widerwärtigkeit der Arbeit wächst, nimmt daher der Lohn ab.“ 1 Damit begründet er wie angeblich im Kapitalismus die Löhne berechnet würden: je länger der Kapitalismus andauern würde, desto mehr näherten sich die Arbeiterlöhne den Reproduktionskosten an, also den Kosten, die der Arbeiter „zu seinem Unterhalt und zur Fortpflanzung seiner Race bedarf“.

Gerade in weit entwickelten kapitalistischen Staaten ist dies offensichtlich falsch. Selbst der Mindestlohn reicht für mehr als nur die Reproduktion – wenn auch nicht für viel mehr. Vor allem aber sind heute die Durchschnittslöhne weit davon entfernt, hat sich der Wohlstand des Mittelstands seit Marx Zeiten gerade im Kapitalismus vervielfacht. Marx hat sich offenbar geirrt.

Den Fehler, den er macht, kann man ebenfalls mit diesem Zitat erklären: der Preis einer Ware ist keinesfalls gleich ihren Produktionskosten, wie Marx schreibt.

Zur Zeit von Marx mag die Rechnung noch einigermassen aufgegangen sein. Ein Schuhmacher stellt einen Schuh her, dessen Wert (Preis ist hier wohl der falsche Begriff) mehr oder weniger den Produktionskosten entspricht. Dieser Wert des Schuhs hat aber keine wirkliche Bedeutung, da der Schuhmacher ja seine Schuhe auch verkaufen muss, um zu überleben. Wenn er sie aber zu den Produktionskosten verkauft, wird er offensichtlich selber verhungern, da der Preis der Ware immer auch einen Profit beinhalten muss.

Doch selbst diese Rechnung ist im Grunde genommen falsch. Sie funktioniert nur, wenn der Schuhmacher seine Schuhe in der Werkstatt selber verkauft. Sobald er ein Verkaufsgeschäft beliefert, müssen natürlich auch diese Kosten zum Preis des Schuhs dazugerechnet werden. Lässt er von einem Schuhdesigner einen neuen Schuh entwickeln, sind auch diese Kosten nicht in den Produktionskosten enthalten und müssen ebenfalls addiert werden. In der heutigen Welt kommen noch viele weitere Kosten wie Lager, Vertrieb, Werbung, Verwaltung, Steuern etc. dazu. Zusätzlich hängt der Preis des Schuhs von der Nachfrage ab: unter Umständen muss er unter den Produktionskosten „verscherbelt“ werden, unter Umständen lässt sich ein sehr guter Profit erzielen.

Der Gedanke von Marx is so simpel wie falsch: Der Preis (Wert) des Schuhs ist gleich den Produktionskosten, da das ja die direkten Kosten sind, die dafür aufgewendet wurden. Doch selbst im Idealfall stimmt das nicht, da zuerst ein Schuhmodell geschaffen werden musste, das nicht zu den Produktionskosten gezählt werden kann. Denn das Schuhmodell (also wie der Schuh aussieht, aus welchem Material, wie die Sohle befestigt ist etc.) wurde nur einmal erstellt, die Produktionskosten fallen aber bei jedem einzelnen Schuh an.

Dieser Denkfehler hat für die ganze Marxsche Theorie aber gravierende Auswirkungen. Denn Marx geht es ja weniger um den „Preis einer Ware“ als um den Preis der „Ware Arbeit“, also um den Lohn. Seine These ist es, dass sich (im Kapitalismus) der Lohn gleich berechnet wie der Preis einer Ware, da für Marx der Arbeiter vom Arbeitgeber im Kalkulationsprozess genau gleich wie eine Ware behandelt wird. Er muss 100 Schrauben kaufen und 2 neue Arbeiter einstellen: macht xy Franken.

Offensichtlich kann der Arbeitgeber aber die 100 Schrauben nicht zum Preis der Produktionskosten erwerben. In diesem Preis fehlen ja alle oben aufgeführten Punkte und viele weitere mehr. Das bedeutet aber auch, dass der Arbeitgeber die „Ware Arbeit“, die Arbeitskraft des Arbeiters nicht zu den Produktionskosten der „Ware Arbeit“ erwerben kann, den bereits erwähnten Kosten, die der Arbeiter „zu seinem Unterhalt und zur Fortpflanzung seiner Race bedarf“, den Reproduktionskosten. Auch hier muss zumindest ein kleiner Profit dazukommen.

In Realität kommen aber heute bei den Lohnkosten analog zu den Kosten des Schuhs noch viele weitere Faktoren dazu. Zum Beispiel Kosten für Ausbildung, spezielle Fertigkeiten, Erfahrung, Sozialabgaben, Steuern etc. etc. Und auch der Markt und die Produktivität spielen eine wesentliche Rolle. Von den Reproduktionskosten muss in der Schweiz heute niemand mehr leben, auch wenn es natürlich im Verhältnis viel zu tiefe Löhne gibt. Im weit entwickelten Kapitalismus der Schweiz liegt der Medianlohn bei über 6500 Franken, das heisst, die Hälfte hat mehr, die Hälfte weniger Lohn. Insbesondere im weltweiten Vergleich zeigt dies, dass ein erfolgreiches kapitalistisches Land sich genau umgekehrt entwickelt als wie es Marx prognostiziert hat.

Dass Marx sich geirrt hat zeigt die Empirie. Schon zu Lebzeiten von Marx stiegen die Löhne der Arbeiter, obwohl sie gemäss Marx hätten sinken müssen und diese Entwicklung hat sich über die Jahrzehnte noch weiter verstärkt. Dass sich dies unter anderem mit einem derart simplen Fehler erklären lässt, ist aber erschreckend. Man könnte einwenden, dass die Analyse eines winzigen Zitats Marx nicht gerecht würde, dass es sich dabei nur um einen Fehler in einem unbedeutenden Teil seiner Arbeit handle. Letztlich aber basiert seine Arbeitswertlehre genau auf dieser Prämisse: Der Preis des Produkts basiert alleine auf der Arbeit, die für die Produktion verwendet wurde. Und die Arbeitswertlehre ist absoluter Kern von Marx wichtigster Theorie.

Es ist deshalb nicht nur erstaunlich, sondern regelrecht beängstigend, dass Marx auch heute noch unkritisch zitiert wird. Natürlich hat er sich nicht überall geirrt, sind beispielsweise seine Gedanken zum Begriff der Entfremdung spannend. Aber es gibt wohl wenige Lehren, die derart grandios an der Realität gescheitert sind wie jene von Marx: seine Kapitalismuskritik hat sich in wesentlichen Teilen als falsch herausgestellt, aber auch seine Alternativen Sozialismus und Kommunismus scheitern an letztlich banalen Überlegungen. Der Preis, den Millionen und Abermillionen von Menschen dafür gezahlt haben ist leider beinahe unermesslich.

1 Marx, K., & Engels, F. (1995). Manifest der Kommunistischen Partei. Stuttgart: Reclam. S. 27.

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